Selbst eine bemannte Mondmission, wie sie bislang von der NASA geplant war, unterscheidet sich in den Anforderungen an den Menschen nicht wesentlich von bisherigen bemannten Missionen, da der Mond immer noch „in Reichweite“ der Erde bleibt.
Anders ist es bei Marsmissionen. Die unterscheiden sich in wesentlichen für die beteiligten Astronauten sehr wichtigen Punkten von bisherigen und der geplanten Mondmission:

  • die Mission dauert wenigstens zwei Jahre. Während dieses Zeitraums ist die Mannschaft völlig auf sich allein gestellt
  • die Erde ist nicht mehr in Reichweite. Eine Intervention von der Erde aus in Notfällen ist während der gesamten Missionsdauer nicht möglich, eine Umkehr ist ebenfalls nicht vorstellbar angesichts des dafür erforderlichen technischen Aufwands
  • eine Versorgung von der Erde aus ist nicht möglich. Alles, was während der Mission  und in außergewöhnlichen oder Notfällen benötigt wird, muss mitgenommen werden.
  • die Aufenthaltsdauer auf dem Mars beträgt, bedingt durch die Himmelsmechanik und Gewichtsbeschränkungen der Raumfahrzeuge, ungefähr ein Jahr. Es könnte schwierig werden, für diesen ganzen Zeitraum eine wirklich sinnvoll erscheinende Beschäftigung für die Mannschaft zu definieren. Das hängt von den mitgebrachten bzw. schon vorher dorthin geschafften Einrichtungen ab wie etwa Transportfahrzeugen, Labors, Gewächshäuser. Ein Billardtisch wird wohl kaum dabei sein
  • die Mannschaft muss während der langen Reisezeit zum Mars sinnvoll beschäftigt werden. Dazu müssten noch zusätzlich zu den eigentlichen Zielen der Marsmission Einrichtungen und Geräte mitgenommen werden
  • Einrichtungen zum Schutz der Mannschaft gegen Weltraumstrahlung während des Flugs zum Mars
  • alle etwaigen Gesundheitsprobleme müssen von der Mannschaft selbst gelöst werden. Unterstützung von der Erde aus beschränkt sich auf die –zeitverzögerte- Analyse von übermittelten Daten und einer Diagnose mit Vorschlägen zur Heilung mit Bordmitteln
  • der soziale Aspekt bekommt eine ungleich größere Bedeutung als bei allen bisherigen bemannten Missionen
  • die maximale Mannschaftsstärke beträgt etwa 6 Astronauten und ist bestimmt durch den vertretbaren technischen Aufwand. Das ist nicht im Einklang mit gruppendynamischen Erkenntnissen, die zu einer kritischen minimalen Mannschaftsgröße von etwa 14 Personen, am besten Frauen und Männer gemischt, tendieren. Bei einer kleineren Anzahl sieht zwei Jahre lang jeder immer nur „die gleichen Gesichter“, zwischenmenschliche Konflikte sind schwieriger oder überhaupt nicht zu lösen
  • die relative –durch Beschränkung der Nutzlast zum Mars eingeschränkte- Enge des Wohnbereichs ist für Menschen ungewohnt, da es ja sozusagen „kein Entkommen gibt“
  • die Mannschaft muss weitgehend selbst etwaigen psychologischen Problemen von Mannschaftsmitgliedern begegnen. Von der Erde aus können bestenfalls Hinweise und Ratschläge gegeben werden, wenn qualifizierte Hinweise aus der Mannschaft selbst gegeben werden können. Wie soll das aussehen?
  • Die Mannschaft muss aufgrund ihrer Unzugänglichkeit von der Erde aus einen viel größeren Entscheidungsspielraum und –Kompetenzen haben, als das in erdnahen Missionen der Fall ist

Ernährung

Bei Langzeitmissionen spielen Ernährungsfragen in weit höherem Maße eine Rolle als bei kürzeren Missionsdauern. Erfahrungen in diesem Bereich hat die NASA schon mit dem ISS-Programm sammeln können. Allerdings wird eine Marsmission mindestens sechsmal länger dauern als die gewöhnlich auf sechs Monate begrenzten Aufenthalte an Bord der ISS.

Die Ernährung der Mannschaft muss für eine Marsmission gleichzeitig auf die besonderen Lebens- und Arbeitsbedingungen unter Schwerelosigkeit bzw. reduzierter Schwerkraft ausgerichtet werden und daher besonders ausgewogen sein in Bezug auf ihren Nährwert und alle sonstigen für den Organismus erforderlichen Inhalte. Auch die Zubereitung der Nahrung verläuft anders: Kochen im herkömmlichen Sinn ist nicht möglich bzw. verläuft anders. Schliesslich muss auch die Einhaltung des für jedes einzelne Mitglied der Mannschaft optimalen Körpergewichts berücksichtigt werden. Art und Menge der Nahrung müssen so auf jedes einzelne Mitglied der Mannschaft abgestimmt sein.

Zusammenstellung der Mannschaft

Es ist unklar ob, wie und bei welcher Zusammensetzung einer Mannschaft Menschen mit diesen Gegebenheiten fertig werden. Zu einer Reihe von Fragen müssen Antworten gefunden werden:

  1. wie verträgt der Mensch lange Isolation bei der Gewissheit, mindestens zwei Jahre lang keinerlei Alternativen zu besitzen?
  2. wie können Menschen mit Unterschieden in Herkunft, Vorstellungen, Angewohnheiten, Bildungshintergründen, Sozialisierungen über einen so langen Zeitraum miteinander auskommen?
  3. wie wirken sich unterschiedliche Vorstellungen über Hygiene, Moral, Sexualität, Lebensanschauungen, politische Ansichten, kulturelle Interessen bei länger andauerndem Zusammenleben aus?
  4. wie weit sind bisherige gruppendynamische Experimente und Untersuchungen an geschlossenen Gruppe auf der Erde relevant für eine Langzeitmission? Problemlösungen durch Änderung der Gruppenzusammensetzung sind ja auf dem Mars nicht möglich
  5. wie steht es mit der Hierarchie in der Gruppe? Kann eine anfangs eventuell akzeptierte Hierarchie über zwei Jahre beibehalten werden. Wenn nein, was sind die Prozesse, die eine von allen akzeptierte neue Hierarchie herstellen?
  6. wie kann den Folgen von Sympathien und Antipathien zwischen Mannschaftsmitgliedern begegnet werden? Da sind mit Sicherheit Änderungen während der Dauer der Mission zu erwarten.
  7. was geschieht, wenn ein Mannschaftsmitglied krank, pflegebedürftig, psychotisch wird?
  8. Wird ein Psychologe mit in der Mannschaft sein? Und wenn ja, kann der nicht selbst Probleme bekommen?
  9. was ist zu tun, wenn eine aus psychologischer und sozialer Sicht optimale Mannschaftsstärke nicht möglich ist? Die Frage der Mannschaftsstärke wurde bisher nur von den Technikern und Missionsplanern beantwortet mit „4 bis 6“ basierend auf den sinnvoll erreichbaren Transport- und Unterbringungskapazitäten. Also keinerlei Berücksichtigung des „Faktors Mensch“.

Sicher gibt es noch weitere Aspekte im Bereich des „Faktors Mensch“, die vor einer so langen Mission zu klären wären.
Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass weitere Untersuchungen zur Forderung einer größeren Mannschaftsstärke führen, die eine Marsmission wesentlich komplizieren und verteuern würde.

Zusammenfassung

Zusammenfassend kann festgehalten werden:

  • fundierte Erfahrungen bestehen nicht, die das Funktionieren einer Gruppe von Astronauten unter den besonderen Bedingungen einer Marsmission belegen könnten
  • die Übertragung von diesbezüglichen bisherigen Erfahrungen aus Untersuchungen auf der Erde auf die Bedingungen einer Marsmission ist fragwürdig
  • Langzeitversuche mit simulierten Marsmannschaften über vergleichbare Dauer und unter mit dem Mars vergleichbaren Bedingungen fehlen bisher weitgehend. Erste Langzeitversuche in Moskau haben aber bereits die Möglichkeit schwerwiegender gruppendynamischer Probleme aufgezeigt
  • Die bisher festgelegte Mannschaftsstärke von 6 bis 7 könnte sich als nicht ausreichend erweisen
  • bisherige länger andauernde Versuche mit Mannschaften waren auf die zu verrichtenden Tätigkeiten und die Kommunikation mit dem Kontrollzentrum fokussiert, psychologische Aspekte wurden bestenfalls am Rand beachtet und bei der Auswertung gar nicht oder unterbewertet
  • bisher haben eine einseitige Ausrichtung auf technisch-programmatische Anforderungen einer Marsmission, fehlende oder möglicherweise nicht relevante Erfahrungen und Konkurrenzdenken zwischen Disziplinen und Institutionen ein systematisches und umfassendes Programm zur Erforschung der für eine richtige Zusammensetzung einer Marsmannschaft erforderlichen Bedingungen verhindert.